Hintergrund zu feelSpace

Der Gürtel zur Sinneserweiterung in unserer Forschung

Der feelSpace Navigationsgürtel ist aus dem feelSpace Forschungsprojekt der Universität Osnabrück heraus entstanden, das 2005 ins Leben gerufen wurde. Am Institut für Kognitionswissenschaften haben wir erforscht, was passiert, wenn man Menschen über einen längeren Zeitraum mit kontinuierlicher Information über den magnetischen Norden versorgt. Entwickelt sich bei ihnen ein Sinn für Norden, wie ihn beispielsweise Zugvögel besitzen? Um dieser Frage nachzugehen, entwickelte das Forscherteam einen taktilen Kompassgürtel, der seinem Träger mittels Vibrationssignalen anzeigt, wo sich der Norden befindet. In diesem Kompassgürtel sind ringsum Vibrationselemente integriert und das jeweils nördlichste Element ist aktiv. Dreht man sich im Raum, wandert das Signal entgegengesetzt zur eigenen Bewegung um die Taille. Somit ist der Gürtelträger stets über seine relative Ausrichtung zum magnetischen Norden informiert.

Bild des Kompassgürtel aus der Forschung

Der feelSpace-Kompassgürtel ist damit ein Gerät, welches das Set unserer Sinne erweitert (Sensory Augmentation), indem es die Richtung nach Norden taktil auf die Taille projiziert. In einer Pilotstudie von 2005 haben wir getestet, ob die Gürtelsignale von den Versuchspersonen bei der Wahrnehmung und im Verhalten integriert werden können. Die Resultate waren vielversprechend, also haben wir die Studien fortgeführt und ausgebaut[Nagel et al. 2005]. 2011 haben wir eine großangelegte Studie durchgeführt, bei der sehende und blinde Probanden den Gürtel 7 Wochen lang ganztägig trugen und damit trainierten. Mit einer Testbatterie, die vor, während und nach dieser Zeit durchgeführt wurde, waren wir in der Lage die physiologischen, Verhaltens-, Wahrnehmungs- und subjektiven Änderungen zu messen [Kärcher et al. 2012, Kaspar et al. 2014].

Von unseren sehenden und blinden Versuchsteilnehmern haben wir abseits der Forschungsfrage, sehr positives Feedback zum Kompassgürtel erhalten.Ein blinder Versuchsteilnehmer sagte:

„In einer bekannten Umgebung benutze ich den Gürtel, um meine Annahmen über die Lage der Orte zueinander zu überprüfen. In unbekanntem Territorium fühle ich mich durch den Gürtel viel sicherer.“

„Mit dem Gürtel wage ich es, diagonale Wege auszuprobieren. Das wäre ohne Gürtel viel zu gefährlich. Wenn ich mich ohne Gürtel verirre, dann kann ich nicht mehr sagen, in welche Richtung ich gedreht bin.“

Zwei sehenden Probanden berichteten:

"Irgendwie stellt sich auch ein Gefühl für Fernpräsenz ein: Sehen und Hören vermitteln nur Nahes/ Anwesendes, der Gürtel aber auch Abwesendes von Sehen & Hören.”

"Auch wenn ich mich ohne Gürtel an einem Ort ganz genauso auskennen oder zurechtfinden würde, so fühle ich mich mit Gürtel trotzdem wohler und sehr sicher, dass ich überall problemlos hinfinden würde."

Es wird von einem größeren Sicherheitsgefühl berichtet, dass mit dem Tragen des Gürtels einhergeht und vom Mut, neue Wege auszuprobieren. Auch das Raumgefühl wandelt sich und wird zu einem Erlebnis.Basierend auf diesem Feedback ist die Idee entstanden, eine alltagstaugliche Anwendung des Gürtels herzustellen und anzubieten. Bei der Entwicklung des Navigationsgürtels achten wir auf barrierefreie Nutzbarkeit, denn gerade Menschen mit Behinderung kann der Gürtel eine wahre Unterstützung sein.

Publikationen

  • » The experience of new sensorimotor contingencies by sensory augmentation.Kaspar K., König, S.U., Schwandt J., & König, P. (2014), Consciousness and Cognition
  • »Sensory augmentation for the blind. Kärcher, S.M., Fenzlaff, S., Hartmann, D., Nagel, S.K., & König, P. (2012), Frontiers in Human Neuroscience
  • » Beyond sensory substitution - learning the sixth sense.Nagel, S. K., Carl, C., Kringe, T., Märtin, R., & König, P. (2005), Journal of neural engineering